Vielleicht kennen Sie diese Metapher: Ein Glas voller Schlamm und Dreck wird immer wieder mit frischem Wasser aufgefüllt, bis der Dreck irgendwann rausgespült ist.
Und irgendwann – zack – ist der Inhalt des Glases ganz klar. Als Metapher für Heilung. Als Botschaft für: „Füll nur genug Liebe rein, dann verschwinden die Altlasten von Generationen.“
Klingt gut. Beruhigt. Und ist in vielen Fällen leider… eine halbe Wahrheit.
Denn was da oft passiert, ist nicht Heilung.
Es ist Verdrängung. Und zwar gleich doppelt: physikalisch und psychologisch.
Was wirklich passiert, wenn man nur „genug frisches Wasser reinfüllt“
Wir haben hier zwei Prozesse, die leicht verwechselt werden.
Die physikalische Seite: Verdrängung durch Verdünnung und Kraft
Wenn man oben ständig klares Wasser nachgießt, wird es irgendwann klarer. Klar.
Aber der Schlamm ist nicht weg. Er ist nur verdünnt, nach unten gedrückt, wenn klares Wasser nicht mit genügend Kraft aufgefüllt wird, oder im besten Fall über den Rand gespült. Doch nun ist der Dreck um uns herum – und wer räumt das auf? Wo fließen die Sedimente hin, die ja auch irgendwie ein Teil von uns sind?
Die psychologische Seite – Freud lässt grüßen: Verdrängung ist nicht Heilung!
Im psychologischen Sinne ist Verdrängung ein Schutzmechanismus. Ein ziemlich genialer sogar.
Das System sagt: „Das ist zu viel. Das packen wir jetzt weg.“
Und ja – das kann uns retten.
Doch der Konflikt verschwindet nicht, sondern bleibt unter der Oberfläche oder irgendwo um uns herum wirksam. Da, wo der Schlamm eben hinfließt und nicht aufgeräumt wird.
Dieser Konflikt zeigt sich indirekt: Überreaktionen, Trigger, somatische Symptome, Beziehungsmuster, Selbstabwertung, Kontrollverhalten.
Das Leben wird enger, weil man unbewusst Situationen meidet, die „umgerührt“ werden könnten.
Wichtig: Verdrängung ist nichts schlechtes – sie ist manchmal eine grandiose Schutzleistung unseres Nervensystems. Nur wird sie problematisch, wenn sie die einzige Strategie bleibt.
Will heißen: Wir können das Leben mit Ressourcen, Liebe, Selbstfürsorge, Affirmationen, Routinen, positiven Menschen und Yoga vollkippen – und trotzdem kann ein einziger Satz reichen, ein Blick, ein Tonfall, und wir sind wieder mitten im alten Film.
Nicht, weil wir „zu schwach“ sind.
Sondern weil der Schlamm nie wirklich von uns verarbeitet und umgearbeitet wurde.
Warum Ruhe manchmal klärt – und trotzdem nicht heilt
Wenn man ein trübes Glas einfach stehen lässt, setzt sich der Schlamm ab.
Das ist Stabilisierung. Regulation. Alltag. Durchatmen.
Das Nervensystem bekommt endlich weniger Stresssignale und kann durchatmen.
Sie können wieder denken. Wieder schlafen. Wieder Sie selbst sein. Und sehen ein wenig klarer.
Aber: Der Schlamm bleibt. Am Boden zwar, aber er ist noch da.
Und deshalb bleiben auch Trigger möglich: Ein Tonfall, ein Blick, ein Satz, ein Geruch – und plötzlich ist die alte Trübung wieder da, obwohl „eigentlich alles gut war“.
Und genau da sitzt der Trigger.
Wirksame Trigger sind kein Zeichen, dass wir „nicht geheilt“ sind – sie sind ein Zeichen, dass „da unten“ noch was liegt
Ein Trigger ist wie ein Stock im Glas: Er bringt Material in Bewegung, das ohnehin vorhanden war. Manchmal rührt jemand absichtlich. Manchmal aus Unwissenheit. Und manchmal ist es nicht mal ein Mensch – sondern ein Geräusch, ein Geruch, ein Datum, ein Ort, ein Gefühl im Körper.
Das kann sich anfühlen wie „Jetzt ist wieder alles da“.
Und wir denken: „Wieso bin ich schon wieder so?“
„Warum reagiere ich so, obwohl ich es gar nicht will?“
In der psychotherapeutischen Arbeit sagen wir dann:
„Jetzt sehen wir, was da unten noch liegt.“
„Jetzt zeigt sich, wo das System zu schnell anspringt, obwohl es unnötig ist.“
Das Ziel ist also nicht, nie wieder getriggert zu werden.
Das Ziel ist:
seltener getriggert zu werden und erkennen, wer oder was kann auslösen
weniger heftig zu reagieren und zu lernen, wie komme ich da möglichst zügig wieder raus
schneller zurückzukehren und zur Ruhe kommen
Und langfristig mehr vom Schlamm loszuwerden, weil neue Erfahrungen hinzukommen, die selbstgemacht sind und die unnötigen Sedimente abschwächen, sie zu neuem Material zu formen, die das Wasser nicht mehr trüben, sondern einfach am Boden liegen bleiben.
Wenn Sie getriggert werden, ist Ihr Nervensystem nicht in einer simplen Diskussion verwickelt. Es ist in Alarm. Und um den Alarm zu entschärfen, nutzen wir Fokus.
Hier sind ein paar Dinge, die funktionieren, weil sie simpel sind:
Füße spüren: bewusst Druck wahrnehmen. Kontaktstellen mit dem Boden wahrnehmen.
Länger ausatmen: z. B. 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus – ohne Pressen.
Orientierung: „Wo bin ich gerade? Welcher Tag, welches Datum? Was sehe ich?“
Mini-Bewegung: kurz gehen, Hände reiben, Schultern kreisen, Fingernagel in den Daumen drücken – spüren Sie den Punkt genau in diesem Moment?
Wenn der Körper runterfährt, wird das Wasser klarer. Das gelingt uns, wenn wir uns gedanklich im Hier und Jetzt befinden. Bei uns selbst.
Grenzen setzen
Und jetzt wird’s unbequem:
Manchmal werden wir nicht getriggert, weil wir so empfindlich sind, sondern weil unser Gegenüber wirklich verletzend, respektlos oder übergriffig ist.
Dann ist die Frage nicht: „Wie werde ich weniger getriggert?“ Oder „Wie komme ich da schnell wieder raus?“
Sondern: „Warum lasse ich da jemanden umrühren?“
Und die Lösung ist Abgrenzen.
Mit einem ruhigen „Stopp!, so nicht!“ oder „Das besprechen wir, wenn wir respektvoll miteinander umgehen und reden können!“ setzen Sie Grenzen.
Manchmal kann es auch reichen, das Gespräch, die Situation vorerst einfach zu verlassen. Das ist nicht Flucht, sondern Selbstschutz.
Und jetzt kommt die Stelle, an der Heilung wirklich passiert: Bodensatz bearbeiten
Nicht nur Ruhe. Nicht nur Stabilität. Sondern Integration.
Das bedeutet: Das, was unten liegt, wird nicht ignoriert, sondern dosiert bearbeitet – so, dass es das System es verkraftet.
Wichtige Regel: Nicht alles auf einmal. Sondern in kleinen Portionen.
Also:
Trigger kurz berühren, dann zurück in Sicherheit.
Ressourcen + Verarbeitung: Nicht nur „stabil werden“ und dann irgendwann bearbeiten – sondern beides gekoppelt, sobald genügend Ressourcen aktiviert sind.
Damals vs. Heute: Der Körper wird lernen: „Das ist vorbei. Diese Reaktion war damals wichtig, doch heute brauche ich sie nicht mehr.“
Gefühle zu Ende bringen: erkennen, integrieren und abschließen, was nie beendet und abgeschlossen werden konnte.
Methodisch kann das über traumasensible Verfahren laufen (je nachdem, was passt): körperorientiert, EMDR, Teilearbeit/IFS, imaginative Verfahren, psychodynamisch – entscheidend ist nicht der Name, sondern dass es integriert statt nur beruhigt.
Fazit:
Besser, als das eigene System zum Überlaufen zu bringen ist, das Wasser erst mal ruhen zu lassen.
Stabilisierung ist wichtig. Sie ist die Basis.
Es reicht nicht, dass das Glas überlaufen zu lassen.
Manches wird nicht weggespült.
Manches muss sich setzen.
Und manches muss irgendwann wirklich bearbeitet werden.
Damit wir nicht davon abhängig sind, ob etwas oder jemand gerade an uns rührt.






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